22. November 2013

“Angst ist nur eine Entscheidung”

Interview mit Philipp von "Riders Connection" (Reggae/Soul/Funk) - geführt von Gastautor NIK für "Give Me A Stage"

Es fing im Alter von 16 Jahren mit „Nirvana“ an, bis ihm von seiner Mutter das Vertrauen und das Geld mit den Worten „Mach doch ma' wat richtiges!“ entzogen wurden. Um es dennoch zum anstehenden „Fusion Festival“ zu schaffen, wurden in der Berliner U-Bahn an zwei Tagen 100€ erspielt. Durch seinen Erfolg auf den Straßen und den Open-Stages in Berlin bestätigt, erlangte seine Mutter das Vertrauen in ihren musikalisch-talentierten Sohn wieder und ist heute, neben seinem Vater, sein größter Fan. So verfolgen beide mit großem Interesse die Band des Sohnes auf dem erstklassigen „Greenville Festival“ oder im Radio beim „Flux.fm Lauschrausch“. Die Rede ist von dem Musiker Philipp und seiner Band „Riders Connection“, einer aufstrebenden Berliner Reggae/Soul/Funk Band mit Bekanntheitsgrad über deutsche Grenzen hinweg.


Im „Give Me A Stage“ - Interview erzählt Philipp (Gitarre/Gesang/Mundtrompete) von Erfolg und Misserfolg, von Ehrlichkeit und natürlich von „Riders Connection“. Ich traf ihn ganz privat in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg.

Wer das Open-Mic im „Al Hamra“(the Sesh) in Prenzlauer Berg kennt, der weiß, dass es dort sonntags immer sehr gut besucht ist und mit den Leuten auch ein konstanter Lautstärke-Pegel in den Keller des Al Hamra einzieht. Damit haben auftretende Musiker oft sehr zu kämpfen und es ist nicht leicht, sich die Aufmerksamkeit des Publikums zu erspielen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Als ich dich dort spielen sah und plötzlich alles wie gebannt lauschte, wusste ich: Da passiert etwas ganz besonderes!
Philipp, wie bändigt man als Musiker eine Bar wie das Al Hamra"?

Philipp: Die volle Aufmerksamkeit des „Al Hamra" zu bekommen ist mein oberstes Ziel, deshalb fordere ich die Open-Stage heraus. Wenn man den Leuten zeigt, dass man ehrlich ist und man meint, was man macht, dann hören die Leute einem zu. Ich bin ein offener Mensch und mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig. Hinzu kommt, dass meine Songs sehr intensiv und persönlich sind. Die Ruhe ist letzten Endes für mich mehr Wert, als der Applaus. Applaus ist auch wichtig, egal, wie viele applaudieren. Selbst, wenn es nur einer ist. Aber ich möchte eine Geschichte erzählen, bei der die Leute zuhören.

Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück?

Philipp: Was du gibst, das bekommst du zurück. Ehrlichkeit.

Man sieht, dass du dich im „Al Hamra" sehr wohl fühlst. Nun ist es aber auch so, dass deine Band „Riders Connection“ die Hausband im „Al Hamra" ist. Wie kam es dazu?

Philipp: Ein Jahr nach Gründung von „The Sesh“ haben wir jeden Sonntag dort gespielt und so eine feste Freundschaft mit dem Betreiber des Cafés aufgebaut. Dies führte dazu, dass wir Teil einer Familie wurden und die Leute auch wegen uns gekommen sind. Seit Mai 2010 spielen wir dort regelmäßig. Es ist wie ein zweites Zuhause geworden.

Gute 3 Jahre also...

Philipp: Wow, ja genau. Wir haben das auch mal gezeigt, indem wir alle im Bademantel aufgetreten sind. (lacht)

Kommen wir gleich nochmal auf „Riders Connection“ zu sprechen. Aber erst einmal zu Philipp als Künstler: Was ist deine Triebkraft? Warum hast du dich entschieden, Musik zu deinem Lebensinhalt zu machen? Was gibt dir die Befriedigung?

Philipp: Vor allem der Fakt, dass ich mein eigener Chef sein kann. Ich bin dadurch sehr frei in dem, was ich sage. Auch die Flexibilität, zu reisen und die Musik mitzunehmen, reizt mich. Denn Musik ist mein stetiger Begleiter und kann mir so auch als Ventil dienen, um meinen Emotionen Ausdruck zu verleihen.

Du hast an dem Abend auch „Shape of my heart“ von „Sting“ gespielt. Was gibt dir der Song?

Philipp: Bei dem Song kann ich richtig loslassen. Ich schließe die Augen und es geht durch mich hindurch. Harmonien, die mich mitreißen. Es ist eine große Ehre für mich, diesen Song zu spielen. Ich liebe es einfach, Songs zu singen, in denen ich aufgehen kann.

Kurz für alle, die nicht so viel Bühnenerfahrung haben: Hast du einen Tipp für Leute, die mit Open-Mics gerade erst anfangen?

Philipp: Ja, hab ich! Geht einfach auf die Bühne mit der Einstellung: „fuck off“. Dabei sollen einem die Leute, vor denen man spielt, nicht egal sein. Aber man muss die innere Angst vor dem Auftritt besiegen. Denn Angst ist nur eine Entscheidung. Es ist nur eine Vorstellung von dem, was eventuell in der Zukunft passieren könnte. Du darfst auch deine Selbstkritik nicht überspielen und jedes Feedback sollte ernst genommen werden. Auch schlechtes Feedback heißt nicht, dass du’s nicht drauf hast, sondern, dass du nicht ehrlich warst. Es ist auch nicht vorbei, wenn man mal was Blödes erlebt! Was ich da alles am Anfang erlebt hab‘, das is’ echt schlimm, aber da muss man eben durch. Man muss es nur ernst meinen. Was mir damals gar nicht gegen das Lampenfieber geholfen hat, war die Vorstellung, das Publikum sei nackt. Man baut dann immer eine Wand zwischen sich und den Leuten auf.

Also die Leute merken es, wenn du nicht ehrlich bist?

Philipp: Ja genau! Die ersten 20 Sekunden sind die wichtigsten, um die Leute zu bekommen. Der Rest ist dann leichter zu handlen. Angst ist dabei eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Wie meine Mutter damals sagte: „Die einzige Träne, die sie auf ihrem Sterbebett weinen würde, wäre für die Dinge, die sie aus Angst nicht gemacht hat.“ Denn Angst legt dir so viele Steine in den Weg - Nervosität hat Charme.

Jetzt haben wir schon viel über dich als Künstler gesprochen und erfahren, was du über Musik denkst und wie du dich auf der Bühne fühlst. Lass uns nun über deine Band „Riders Connection“ sprechen. Stichwort „Greenville“. Zum zweiten Mal schon spielt ihr im schönen Paaren im Glien mit Headlinern wie „Nick Cave“, der „Bloodhound Gang“ oder dem „Wu-Tang Clan“:
Aufgeregt?

Philipp: Es geht. Man muss bedenken, wie man da rein gerutscht ist. Wir haben einmal den zweiten und einmal den ersten Platz beim „Emergenza“ auf regionaler Ebene gemacht, und die haben uns gut gefunden und uns bei „Viva Con Aqua“ vorgeschlagen - eigentlich als Gastband. Dann erfuhren wir, kurz bevor wir auf die Bühne gingen, dass wir doch im Wettbewerb sind. Also dachten wir uns dann, „fuck off“ und wir gewannen den Contest.

  • (Das Emergenza ist ein nationaler und internationaler Bandwettbewerb bei dem die Teilnehmenden in mehreren Runden um Sachpreise, wichtige Auftritte sowie Studiosessions spielen.)

  • (Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich in der ganzen Welt für bessere Bedingungen bei der Grundwasserversorgung einsetzt und am 28.03.2013 den Bandwettbewerb „Live Drop“ organisierte. Die Leute haben durch Spenden an Viva con Agua für die beste Band gevotet und die Band mit den meisten Spenden gewann einen Auftritt auf der Main Stage beim „Greenville Festival 2013“.)

Philipp: Wir spielten also auf der gleichen Bühne, auf der zwei Stunden später „Gentleman“ stand. Ein sehr großer Mann für mich. Wir waren im Backstage mit „Gentleman“ und „Alex Clare“ und haben mit denen gesprochen. Das war für uns sehr krass, als gingen wir durch eine neue Tür. Wir gewannen damit auch Einblick in eine Welt, die eigentlich noch gar nicht unsere ist. Und wir kamen vom „Camp Tipsy“, wo noch nicht mal das Bier gekühlt war, weil jemand den Generator vergessen hatte… (lacht) Und dann auf der anderen Seite das „Greenville“ mit „Wu-Tang“, die die ganze Stage abgesperrt haben. Das „Camp Tipsy“ war eher unsere Welt.

  • (Das „Camp Tipsy“ ist ein kleines, unkonventionelles, Non-Profit Festival, das es in der heutigen Form seit etwa 10 Jahren gibt.)

Wie wichtig ist dir der kommerzielle Aspekt der Musik? Wie wichtig wäre kommerzieller Erfolg für „Riders Connection“? Oder geht‘s nur um die Musik?

Philipp: Das ist eine gute Frage, denn wir stehen gerade an diesem Punkt: Auf der einen Seite hoffen wir von der Musik leben zu können, um eventuell irgendwann unsere Familien zu versorgen. Auf der anderen Seite ist es nicht immer einfach, die Balance zwischen kommerziellem Erfolg und persönlicher Freiheit zu finden. Denn wir wollen uns selber treu bleiben, müssen aber auch gewisse Erwartungen erfüllen, um mit der Musik Geld zu machen. Wir können uns am Ende des Tages nicht selber bezahlen. Das kann kein Job.

Es ist sicher ein wenig abschreckend für andere Leute, wenn man großen kommerziellen Erfolg hat. Vergrößert das auch den Abstand zu den Leuten?

Philipp: Dazu sag ich mal: „Gentleman“ hat ja kommerziellen Erfolg und was der gemacht hat, ist einfach in die Menschenmenge reinzugehen. Über den Zaun zwischen Bühne und Publikum hinweg. Die Leute haben ihm Platz gemacht und es war eine sehr friedliche Atmosphäre. Das hat echt richtig was Symbolisches gehabt. Denn Gentleman weiß genau, ohne diese Leute hätte er den Erfolg nicht, das hat man gespürt.

Zu euren Songs: „We can change the weather“ ist an mir persönlich sehr haften geblieben und ich habe das Gefühl, das ist ein Song, mit dem du ausdrückst, wie Musik Leute zusammen führt. In wie weit bringt Musik Leute zusammen?



Philipp: Auf jeden Fall! Musik ist Liebe. Es ist ein Weg, um Emotionen Ausdruck zu verleihen. Musik gibt den Leuten die Möglichkeit, in einer Sprache zu kommunizieren, die jeder versteht. Ich war mal in Venezuela, wo 7-Jährige zu Musik auf der Straße getanzt haben. Es war ein mitreißender Rhythmus und alle waren total vereint. Musik ist schon seit Urzeiten ein Mittel, um die Leute zusammen zu bringen.

Gibt es Musik, die das eher schafft? Also besser dafür geeignet ist, Leute zusammen zu bringen?

Philipp: Das ist sehr individuell. Für mich ist das Reggae. Klar gibt es Musik, die einen bestimmen Zweck erfüllt. Aber Musik tritt so vielseitig in Erscheinung, dass man das gar nicht richtig sagen kann. Musik kann Leute verbinden und sorgt so dafür, dass sich Gemeinschaften bilden: z.B. die Leute, die Reggae mögen und solche die auf Metal stehen. Das ist jedem selbst überlassen. Vielseitigkeit ist das Schöne an der Musik.

Glaubst du, dass Musik einen politischen Einfluss üben kann?

Philipp: Klar! „Bob Marley“ - obwohl er nie wollte, dass seine Musik für politische Zwecke missbraucht wird. Reggae, sagte er, ist die Zeitung der Armen. Er hatte sich in einer Sprache ausgedrückt, die jeder verstand. Die Politiker wollten ihn für ihre Zwecke, aber er hat auf seine Art und Weise Politik gemacht: Um den grausamen Bürgerkrieg zu beenden, der ihn seelisch sehr belastete, organisierte er das „Peace Konzert“, wo er die gegnerischen Parteien aufforderte, sich die Hände reichen.


  • (Das “One Love Peace Concert” hat am 22. April 1978 in Kingston stattgefunden. Dort versöhnte Bob Marley die „People’s Nation Party“ und die „Jamaica Labour Party“ miteinander und beendete so, zumindest zeitweise, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Jamaica)

Ich hab euch auf Youtube auf einem Berg in freier Wildnis spielen sehen. Wie kam‘s dazu?





Philipp: Das war die Idee von unserem Manager, Jp Enderli von „Acousoul“, der in der Schweiz lebte. Wir hatten ein Konzert in Zürich und wollten deshalb noch ein wenig Promo auf dem „Uetliberg“ machen. Das haben wir in dieser Form noch nie gemacht und hatten ein wenig Schiss, denn da ging‘s echt steil Berg ab. Die Leute haben sich versammelt, um uns zu zuhören und waren sehr begeistert. Ich mag‘s an Orten zu spielen, an denen vorher noch niemand gespielt hat.

Spielen ist ein gutes Stichwort! Wo kann man euch denn demnächst live hören?

Philipp: Wir haben am 23. November ein Konzert im „Badehaus Szimpla“. Ein sehr wichtiges Datum für uns, denn wir wollen dort eine Crowdfunding-Aktion starten, um unser erstes Studio-Album zu produzieren. Wir sind sehr dankbar für jede Unterstützung und laden alle dazu ein, im Badehaus vorbei zu schauen. Oder einfach mal sonntags im „Al Hamra“.

Philipp, ich danke dir für deine Offenheit, Ehrlichkeit und für das Interview!

# geführt am Dienstag, 8. Oktober 2013 in Prenzlauer Berg mit NIK

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"Riders Connection" sind: Philipp (Gitarre/Gesang/Mundtrompete), Moritz (Beatbox/Human Bassline) und Aleksej (Bass)
Die Open-Stage im "Al Hamra" findet jeden jeden Sonntag Abend statt.



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