18. Juni 2012

Ich hätte meinen Traum aufgegeben...

Luutzen Dijkstra alias Johnnygoody im 'Give Me A Stage'-Interview


Luutzen Dijkstra. Foto: Maria Snoek
Bildquelle: Maria Snoek
Ich habe gelernt Fragen mit Fragen zu beantworten.“ Das ist der erste Satz, den mir Johnnygoody aufs Band spricht – beste Voraussetzungen für ein Interview... Zum Glück gibt er mir dann doch Antworten – auch wenn meine erste Frage genau die ist, die er schon tausendmal gehört hat: Wie spricht man nur seinen Namen aus? Johnnygoody kommt aus Holland und heißt eigentlich Luutzen Dijkstra. „Lützen Deikstra“ sagt Luutzen.



Luutzen, du hast dir den Künstlernamen sicher ausgesucht, weil dein eigener etwas kompliziert ist. Ich habe ja so eine Vermutung, wo dein Künstlername herkommt. Es gibt einen Song von Chuck Berry: „Johnny B. Goode“ Hat das irgendetwas mit deinem Namen zu tun?

Johnnygoody: Nein, gar nichts. Ich habe mit 12 angefangen Websites zu machen und damals gab es eine Firma in den USA, wo man kostenlos Domainnamen bestellen konnte. Dazu musste man Amerikaner sein. Da habe ich den Namen Johnnygoody erfunden und er ist mein Spitzname geworden. Mit 18 hatte ich meinen ersten Auftritt als Musiker und dachte: Luutzen, das geht gar nicht, ich brauche einen Künstlernamen.

Dein erster Auftritt war also mit 18. Hast du zu der Zeit angefangen mit dem Musikmachen?

Johnnygoody: Nein, ich spiele seit ich 6 Jahre alt bin Gitarre. Mit 12 habe ich die ersten Lieder geschrieben, aber das war natürlich noch nichts.

Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl, dass das mit deinen Songs was wird?

Johnnygoody: Mein erster Auftritt war bei einem Singer-Songwriter-Contest. Den habe ich auch gleich gewonnen. Das war schon sehr motivierend.

Was gab es da als Preis?

Johnnygoody: Ich konnte einen Song im Studio aufnehmen. Zu dem Song, den ich aufgenommen habe, gibt es auch eine Geschichte. Ich hatte schon eine Myspace-Seite mit einer Homerecording-Version von „Let Go“. Die hatte so ein Typ aus den USA gehört, der wollte den Song für einen Film haben. Er sagte, er arbeitet mit dem Filmemacher Rob Rodriguez zusammen, ein Kumpel von Quentin Tarantino. Ich dachte: Jetzt kommt meine Zeit - da kann ich doch nicht diese Myspace-Version hinschicken! Den Song muss ich richtig aufnehmen! Das habe ich gemacht und natürlich habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Aber es ist eine gute Geschichte.



Wirklich, das ist sie! Wie ist der denn auf dich gekommen?

Johnnygoody: Naja, das war ja so 2005, noch bevor die Arctic Monkeys bei Myspace entdeckt wurden. Da gab es noch nicht so viele Bands bei Myspace, es war ein bisschen einfacher damals.

Mit solchen Enttäuschungen muss man als Musiker rechnen. Du arbeitest weiter an deinen Songs. Was gibt dir die Sicherheit, dass es mit der Musik klappen kann?

Johnnygoody: Es ist die Überzeugung, dass meine Musik schön ist. Es gibt diese Momente, wenn die Leute mitgehen, wenn sie nach meinen Konzerten sagen: Ja, das war es wert.

Was war dein schönstes Erlebnis mit deinem Publikum?

Johnnygoody: Wenn ich auf der Bühne eigentlich aufhören könnte zu spielen, weil alle mitsingen, das finde ich sehr schön. Das passiert auch bei Leuten, die meine Musik noch gar nicht kennen. Besonders cool war ein Konzert in Holland. Wir waren dort als Vorband und haben unser letztes Stück akustisch gespielt. Der ganze Saal war leise und das ist sehr seltsam in Holland, die Leute reden immer während die Musik spielt. Die Hauptband an dem Abend musste einen Song unterbrechen, weil das Publikum so laut war! Nur bei uns waren sie leise. Das war wirklich toll.

Ich habe ein Video von dir im Internet gesehen – ich glaube, es ist ein Wohnzimmerkonzert im kleinen Kreis. Da waren alle ganz leise und haben dir gespannt zugesehen. Das war sicher auch so ein schöner Moment, oder?



Johnnygoody: Das war Weihnachten 2010 zusammen mit meinen Freunden in Holland. Wir feiern jedes Jahr den „Dritten Weihnachtsfeiertag“. In Holland ist es so, dass man die ersten zwei Tage mit der Familie verbringt und ganz viel isst. Danach gibt es immer noch Essen das nicht aufgegessen ist. Wir treffen uns dann am dritten Weihnachtsfeiertag, alle bringen das Essen mit das noch da ist und ich spiele ein Konzert. Es war 5 Uhr morgens als das Video gedreht wurde und wir waren alle schon sehr müde.

In dem Video spielst du „Timidity“, ein Song in dem es - ganz allgemein gesagt - um die Probleme des Seins geht. Als ich das gehört habe musste ich denken: Als Musiker kann man so was schreiben und es hört sich wenigstens gut an! Wer nicht Musiker ist, der wird sich kaum hinstellen und sagen: Leute, ich komm einfach nicht klar!

Johnnygoody: Ich finde, man sollte das einfach sagen dürfen. Für mich geht es in dem Song aber weniger um die Schwierigkeiten des Lebens, sondern darum, dass ich akzeptiert habe, dass es immer ein Hoch und ein Tief gibt.

Für mich klingt das verzweifelt, du singst: „I`d rather be independent of things i can`t control, but i guess i have to deal with an unstable soul“.

Johnnygoody: Ja das stimmt, aber es kommt immer darauf an, woran du dich misst. Wenn du den erfolgreichsten Menschen auf der Erde fragst, wird er dir auch sagen, dass es da etwas gibt, was er machen möchte, aber ihm fehlt die Freiheit das zu tun. Dieses Gefühl wird niemals aufhören. Je weiter ich gehe, es bleibt dieser Wunsch noch unabhängiger zu sein. Aber wie ich es in dem Song sage: Ich habe es akzeptiert.

Trotzdem würde ich sagen, dass sich die meisten nicht vor einen Haufen fremder Menschen stellen und sagen: „Ich bin etwas labil.“ Als Musiker kann man das in einen Song packen, sich auf eine Bühne stellen und wildfremden Menschen davon erzählen. Das ist doch großartig.

Johnnygoody: Ja das stimmt auch. Aber ich glaube, wenn du Autor oder Maler bist, dann kannst du das auch machen. Vielleicht geht das auch mit Briefmarken sammeln. Man braucht einfach etwas, worin man sich verlieren kann.

Welches Gefühl hast du denn, wenn du spielst und dich in deiner Musik verlierst?

Johnnygoody: Es ist zeitlos wenn ich Musik mache. Die Welt geht weg. Es ist entspannend. Ein bisschen wie ein Trip. Ich mag es, dass die Musik mich in eine andere Welt bringt.

Reden wir nochmal über Berlin – du bist hierher gezogen, weil du diese Leidenschaft für Musik ausleben willst. War die Musikszene in deiner Heimat nicht so toll?

Johnnygoody: Ich bin nicht wegen der Musikszene nach Berlin gezogen. Ich wusste, dass Berlin eine Techno-Stadt ist und ich hatte keine große Livemusik-Szene erwartet. Natürlich ist es schön, dass es hier doch diese Szene gibt. Ich habe das Gefühl, dass ich hier machen kann, was ich will.

Funktioniert es in Berlin so, wie du dachtest?

Johnnygoody: Ich entdecke jetzt die Musikindustrie. Ich denke darüber nach, wie ich mich bewerben und präsentieren soll. Und, naja, ich glaube meine Lieder sind wieder ein bisschen besser geworden.

In den Niederlanden wärst du nicht weitergekommen?

Johnnygoody: Nein, ich brauche meinen eigenen Such-Ort – gibt es das Wort? Einen Ort, wo ich meinen Weg finden kann. Ich hatte ein gutes Leben in Holland. Viele Freunde, Utrecht ist eine tolle Stadt, ich hatte einen guten Job. Aber ich hatte das Gefühl, wenn ich da bleibe, dass es in 30 Jahren noch immer genauso wäre. Dort hätte ich es nie versucht. Ich hätte meinen Traum aufgegeben Musiker zu werden.


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