11. April 2012

„Man kann alles haben, was man will“

Harry Brown von 'Harry Brown and The Beards' im 'Give Me A Stage'-Interview



Harry Brown. Foto: Juliane FritzAls ich Harry Brown traf, musste ich mich darüber ärgern, wie klischeebeladen ich bin. Auf den ersten Blick passte alles ins Bild: Da stand ein junger Mann mit langem Haar und Gitarrenkoffer. Er wollte wie ich zur Open-Stage im Schokoladen. Wir unterhielten uns und ich schlug vor, ein Bier zu trinken. An der Bar bestellte ich Bier und er Tee. Die ganze Zeit lag es mir auf der Zunge zu fragen, ob er erkältet ist. War er natürlich nicht. Harry gehört zur seltenen Sorte Musiker, die keinen Alkohol trinkt. Außerdem ist er Personal Trainer. Mein Bild von diesem Beruf war noch schlimmer, als das vom biertrinkenden Musiker: Ein muskelbepackter Typ, der Menschen mit zu viel Geld und wenig Sportgeist auf Trimm-Dich-Pfaden auf und ab hetzt. Doch irgendwie passten Klischee und Realität mal wieder nicht zusammen. Schon gar nicht, nachdem ich Harrys Musik gehört hatte: Das sind Songs mit Gefühl und Groove. Eine Woche später saß ich in Harrys Küche bei einer Tasse Tee.

Harry, ich weiß es klingt blöd, aber ich fand es ziemlich ungewöhnlich, dass du im Schokoladen zwischen den ganzen Biertrinkern und dem Zigarettenqualm konsequent Tee getrunken hast. Wie kommt das? Trinkst du nie Alkohol?

Harry: Doch, manchmal trinke ich auch ein Bierchen. Früher an der Uni in Australien war ich ein großer Trinker. Durch meinen Job habe ich aber herausgefunden, dass es besser ist, nicht zu trinken. Wenn ich trinke, dann kann ich nicht kreativ sein. Ich kann nicht spielen oder singen. Also trinke ich nichts. Aber ich muss zugeben, dass es manchmal komisch ist. In der Nacht, als wir meine Band 'Harry Brown and The Beards' gegründet haben, wollten wir mit Schnaps anstoßen. Zufällig war einer von meinen Personal Trainer-Kunden in der Bar. Ich sage meinen Kunden immer, sie sollen nicht trinken, also habe ich mit Wasser angestoßen.

Warum heißt ihr 'Harry Brown and The Beards'?

Harry: Weil mir leider kein richtiger Bart wächst, aber meine Musiker haben einen. Also sind wir Harry und die Bärte.

Mir ist nicht nur aufgefallen, dass du keinen Alkohol trinkst, sondern auch, dass du für einen Australier ziemlich gut Deutsch sprichst.

Harry: Danke, das ist sehr nett. Ich glaube, das kommt durch meine Freundin. Sie ist eine Deutsche. Wir haben uns in Australien kennengelernt, sie ist dort gereist. Ich wollte mit ihr nach Deutschland kommen, um die Kultur meiner zukünftigen Frau kennenzulernen. Wir wollen im April in Deutschland heiraten und ziehen dann gemeinsam nach Australien. Deshalb habe ich ganz viel geübt mit meinem Deutsch. Außerdem ist es wichtig in meinem Beruf. Ich habe viele ostdeutsche Kunden, die wenig Englisch sprechen. Aber jetzt habe ich schon ein wenig Angst, weil das Interview hier aufgenommen wird. Meine Grammatik ist nicht immer ganz gut und ich klinge manchmal wie Joda von Star Wars.

Ich finde deinen Akzent sehr süß. Du hast einen Song für deine Freundin geschrieben, der heißt „My Sunshine“. Da singst du am Ende auf Deutsch „Ich möchte meine Zeit mit dir verbringen“. Das Wort Zeit klingt aus deinem Mund echt toll. Eigentlich ist es schade, dass du den Song bald nur noch in Australien singst, wo das niemand versteht.

Harry: Ach, in Australien gibt es viele Deutsche. Das finde ich gut, dann verlerne ich mein Deutsch nicht.

Erzähl doch mal, wie du angefangen hast mit dem Musikmachen.

Harry: Ich habe ein bisschen spät angefangen. Meine Eltern spielen beide Gitarre. Sie wollten mich auch dazu bringen, doch ich hatte keine Lust. Bis ich in den Stimmbruch kam habe ich im Chor gesungen. Mit 20 hatte ich mit ein paar Freunden eine Wohnung in Brisbane. Einer konnte sehr gut Gitarre spielen. Von dem habe ich ein bisschen gelernt.

Das ist beeindruckend! Du hast mit 20 angefangen, Gitarre zu spielen. Jetzt bist du 25 und hast gerade dein erstes Album aufgenommen!

Harry: Ja, meine Musikreise hat mir bisher ganz gut gefallen und ich wünschte, ich hätte das schon ein bisschen früher getan.

Soweit ich weiß, hast du auch hart dafür gearbeitet. Du hast hier in Berlin Gitarren- und Gesangsunterricht genommen. Was hast du da gelernt?

Harry: Das klingt jetzt ein bisschen komisch, aber was ich hier gelernt habe ist: Alles was man will, das kann man auch haben. Mein Ziel ist es, von Musik zu leben und ich probiere alles, um das zu erreichen.

Was hast du bisher probiert?

Harry: Der erste Schritt war, auf die Bühne zu gehen und nicht nur vor meinen Freunden zu spielen. Das habe ich hier in Berlin Ende 2010 zum ersten Mal gemacht. Mein zweites Ziel war, eine Band aufzubauen. Das habe ich 2011 gemacht. Mein drittes Ziel war, in ein Studio zu gehen und ein paar Lieder aufzunehmen. Das habe ich jetzt auch gemacht.

So wie du es sagst, klingt das einfach.

Harry: Ja, es ist Wahnsinn. Aber irgendwie ist alles zu mir gekommen. Ich habe als Personal Trainer eine Kundin, die spielt Trompete. Von ihr habe ich Trompete gelernt. Wir haben Yoga-Unterricht gegen Trompeten-Unterricht getauscht. Drei Wochen bevor ich ins Studio gehen wollte, um meine Songs aufzunehmen, habe ich einen Pianisten im Dönerladen getroffen. Er fiel mir auf, denn er hatte einen australischen Akzent. Ich habe ihn einfach angesprochen und zufällig war er ein großer Pianist! Er ist um die ganze Welt gereist, um Klavier zu spielen und jetzt spielt er auf meiner CD. Das ist doch Wahnsinn. Das ist Berlin. Jeder zweite Mensch, den ich treffe, ist ein Künstler.

Um dein Album zu realisieren hast du natürlich auch Geld gebraucht. Deshalb hast du bei Kapipal Crowdfunding gemacht. Wie ist das gelaufen?

Harry: Das war gut. Es waren natürlich viele Freunde und Familie, die Geld gegeben haben, aber auch ein paar Leute, die ich gar nicht kenne. Das ist ein schönes Gefühl. Ich habe die Studiozeit von dem Geld bezahlt. Wir haben 7 Songs an 2 ½ Tagen aufgenommen.

Wie hast du die Arrangements gemacht? Hast du sie alle selbst geschrieben oder mit den anderen Musikern zusammen?

Harry: Ich habe einfach nur die Gitarre und die Texte geschrieben. Die anderen Leute hab ich machen lassen, was sie wollten. Natürlich hab ich geguckt, dass es auch gut klingt und ich hätte gesagt, wenn etwas scheiße ist. Aber ich hatte nunmal Glück, dass die Künstler alle gut waren.

Wie geht es denn in Australien weiter? Da bist du ja wieder auf dich allein gestellt, ohne die Musiker aus Berlin.

Harry: Ich mach einfach immer weiter. Hier in Deutschland habe ich viele Leute kennengelernt, die meine Musik mochten. Ich möchte sehen, wie das in Australien ist. Wir wissen noch nicht genau, wo wir in Australien wohnen werden, wir wollen erst einmal reisen. Unterwegs möchte ich Straßenmusik machen und meine CD verkaufen.

Hast du schonmal probiert Straßenmusik zu machen?

Harry: Ja, hier in Berlin.

War das gut? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Großstädte ein hartes Pflaster für Straßenmusik sind.

Harry: Ja, wenn ich ehrlich bin, war es nicht so gut. Ich habe höchstens 10 Euro pro Stunde verdient. Aber es ist gut zum Üben. Einmal war es richtig lustig. Ich hatte einen Musikkampf mit einer russischen Frau mit ihrem Akkordeon. Ich stand wohl auf ihrem Platz und sie hat mich beschimpft und versucht, lauter zu spielen als ich. Ich hab dann auch lauter gespielt. Ich hatte viel Spaß.

Na dann hoffe ich, du triffst in Australien auf nettere Straßenmusiker!

Ganz exklusiv für 'Give Me A Stage' gibt es noch einen Non-Album-Track von Harry Brown. Der Song heißt 'Open Wounds' und ihr könnt ihn euch hier anhören:
Harry Brown über seinen Song 'Open Wounds' by Juliane Fritz

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