9. März 2012

„Dit is ein Wesen, dem kann man sich nicht entziehen“

Ellen Sarit Shatzky, israelische Musikerin und Tänzerin, im 'Give Me A Stage'-Interview


Ellen Sarit Shatzky

Der Wirt im Weddinger Ufer-Café berlinert mir die Antwort auf die Frage, wie er dazu kommt, Shatzky auf seiner Bühne spielen zu lassen. Und ich muss ihm zustimmen: Dieser Frau kann man sich einfach nicht entziehen. Wer sie auf der Bühne erlebt, bekommt nicht nur ein Stückchen von Ellen Shatzky, sondern gleich das ganze Paket: Sie flirtet mit dem Publikum, ist laut, erzählt Witze, zeigt ganzen Körpereinsatz und dann, ganz plötzlich, weint sie sogar. Man muss auf alles gefasst sein. Das bin ich auch, als ich mich mit ihr zum Interview an einen Tisch im Ufer-Cafe setze. „Stell das Aufnahmegerät bitte weit von mir weg, wenn es heil bleiben soll.“ sagt Shatzky. Dann fliegen ihre Hände gestikulierend durch die Luft, während sie auf meine Fragen antwortet. Ich habe sie und mein Aufnahmegerät gut im Auge...

5 Dinge die ihr über Shatzky wissen solltet. Und ihr Song 'You Give Me' by Juliane Fritz

Shatzky, ich habe dich bei der Open-Stage im Madame Claude gesehen und finde, dass du eine wahre Entertainerin bist. Du redest so viel mit dem Publikum. Ich habe mich deshalb gefragt, ob ich dieses Interview folgendermaßen gestalte: Ich drücke „Record“, frag dich wie es dir heute geht und dann redest du einfach 30 Minuten ohne Pause. Fertig ist das Interview! Was meinst du?

Shatzky fällt mir lachend ins Wort: Das ist richtig! Aber ich will dir doch nicht die Show stehlen!

Du willst nicht, aber du könntest!

Shatzky: Ich sollte das nicht tun. Ich bin höflicher geworden, seit ich in den Dreißigern bin.

Was soll das denn heißen?

Shatzky: Ich bin rücksichtsvoller geworden und netter zu den Leuten. Zumindest versuche ich es!

Es funktioniert also nicht immer?

Shatzky: Manchmal holt mich mein Temperament ein. Ich verliere und mein Temperament gewinnt.

Was machst du dann für Sachen, wenn dich dein Temperament besiegt?

Shatzky: Ich sage manchmal ziemlich böse Dinge. Dabei ist es nicht einmal das, was ich sage, sondern wie ich es sage. Die Lautstärke und die Energie, mit der ich rede. Die Leute denken dann: „Oh! Sie ist so aggressiv!“ Dann fangen sie an zu heulen oder schreien zurück. Aber ich versuche wirklich nett zu sein! Ich kann das nicht ausreichend betonen! Trotzdem habe ich halt diese Launen. Das muss genetisch veranlagt sein. Meine Eltern sind genauso. Seit neustem versuche ich mein Temperament mit Meditation zu bekämpfen. 10 Minuten täglich.

Und, funktioniert es?

Shatzky: Ich glaube, es ist besser, aber es ist natürlich keine Hexerei. Vielleicht sollte ich es länger als 10 Minuten machen.

Warum hast du beschlossen zu Meditieren? Hast du durch deine Launen mal irgendetwas Schlimmes angestellt?

Shatzky: Mir passieren ständig schlimme Dinge! Doch es passieren auch gute Dinge und das ist etwas, das ich jetzt erst verstanden habe. Ich habe mich immer auf das Schlechte konzentriert. Darauf, dass ich Fehler mache und dass ich von mir angepisst bin. Das macht mich und mein Leben kaputt und ich übertrage das auch auf andere Leute. Ich behandle andere Menschen so schlecht, wie mich selbst. Jetzt versuche ich wirklich, die Dinge zu genießen. Mein Traum ist es, hier in Berlin zu sein, Musik zu machen und ein Album aufzunehmen. Man könnte sich ständig von irgendwelchen Dingen hetzen lassen. Wenn ich mein erstes Album aufgenommen habe, dann mache ich mir Sorgen um das nächste. Wenn ich ein Kind bekommen würde, würde ich mich darum sorgen, dass es krank ist. Oder ich könnte darüber verzweifeln, dass ich alt werde. Ich lasse mich oft von solchen schlechten Gedanken treiben. Das muss aufhören! Ich muss meine Einstellung ändern!

Es ist komisch, dass du das sagst. Als ich dich im Madame Claude ansprach, hast du so etwas gesagt wie: „Ich kann mich nicht ändern, ich kann nicht so tun, als wäre ich jemand anders.“ Was hast du da gemeint?

Shatzky: Ich sag dir, was ich gemeint habe! Bevor ich ins Madame Claude gehe, übe ich zu hause, denn ich möchte mein Bestes geben. Wenn ich dann im Madame Claude bin, muss ich bei der Open-Stage zu lange warten bis ich dran bin, werde total nervös und es endet damit, dass ich mich betrinke. Ich sag dann zu mir selbst: „Ellen Shatzky! Bist du den weiten Weg nach Berlin gekommen, um dich zu betrinken? Betrunken kannst du auch in Tel Aviv sein!“ Ich möchte meine Auftritte ernster nehmen und mehr Respekt für meine Songs haben. Nur im Madame Claude klappt das nie.

Ich fand dich echt toll bei deinem Auftritt, obwohl ich natürlich gemerkt habe, dass du ganz schön einen sitzen hattest. Du unterhältst die Leute sehr gut! Wann hast du eigentlich gemerkt, dass du so eine Bühnenpersönlichkeit bist?

Shatzky: Eine wunderbare Frage! Das war nicht von Anfang an so. Bei meinem ersten Auftritt bin ich einfach nicht auf die Bühne gegangen. Da war ich 7 Jahre alt. Ich war mal so ein Wunderkind am Klavier und habe viele Wettbewerbe gewonnen. Irgendwann habe ich mich an die Nervosität gewöhnt. Bis ich 14 war stand ich einmal pro Monat auf der Bühne. Dann hab ich das alles abgebrochen. Ich wollte viel lieber tanzen. Das ging so lange, bis mich ein Freund fragte, ob ich in seiner Band Keyboard spiele und singe. Ich hab ihm den Gefallen getan und da habe ich es gespürt, dass ich das alles tun will: Auf der Bühne tanzen und Musikmachen. Das war mit 22 oder 23. Von dort war es noch ein langer Weg zu dem, was ich jetzt bin. Ich habe Zeit gebraucht, um mich selbst zu finden. Mich, ohne den Einfluss von anderen, ohne den Versuch, wie ein anderer Künstler zu sein. Dann habe ich diese magischen Momente auf der Bühne gespürt, wenn du dich einfach gehen lässt.

Heißt das, du bist ganz intuitiv auf der Bühne und planst nicht, was du als nächstes tust oder sagst?

Shatzky: Doch, manchmal tue ich das. Ich übe ja auch, um besser zu werden. Aber was ich an Auftritten so sehr liebe, ist dieses Etwas, das du nicht planen kannst, weil es sowieso nicht so ablaufen wird. Wenn du die Magie spüren willst, dann darfst du nicht nachdenken. Das ist wie beim Sex. Wenn du drüber nachdenkst, dann kannst du nicht kommen. Du musst dich gehen lassen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich vor Konzerten trinke. Aber diese magischen Momente mag ich noch viel mehr als Alkohol.

Du hast vorhin erwähnt, dass du aus Tel Aviv in Israel kommst. Hier in Deutschland – und ich denke auch in anderen Ländern – verbindet man deine Heimat vor allem mit Krieg und Terror. Wie ist es dort als Musikerin zu leben?

Shatzky: Dort als Musikerin zu leben ist Krieg und Terror! Aber nicht wegen den Arabern. Es gibt so viele talentierte Musiker in Israel. Sie geben überall auf der Welt große Konzerte, aber in Tel Aviv spielen sie vor 20 Leuten. Es gibt zu wenig Publikum für Musik abseits des Mainstream. Und wegen dem Krieg und Terror hat der Staat kein Geld, um die Kultur zu fördern. Ich habe dort keine Zukunft als Musikerin.

Bist du deshalb nach Berlin gekommen?

Shatzky: Genau.

Ich hab mir im Internet ein paar von deinen Sachen angesehen. Was mir besonders auffällt ist, dass du ganz unterschiedliche Genres bedienst. Ich habe dich als Sängerin am Klavier kennengelernt. Im Netz gibt es auch noch Rock-Songs auf hebräisch zu hören, außerdem ein Video, das ein wenig an den Elektro-Punk von Peaches erinnert. Wo ist der Zusammenhang zwischen der Frau, die ich am Piano gesehen habe und der leicht bekleideten Elektrobraut aus dem Video?

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Shatzky: Du meinst, der Schlampe aus dem Video? Da hast du einen ganz empfindlichen Punkt getroffen. Diese vielen Stile sind ein großen Problem für mich. Ich mag Elektro, ich mag Mozart, ich mag die Sex Pistols, ich mag Mike Patton. Ich tanze klassisches Ballett und ich tanze den Hip-Hop-Schlampen-MTV-Style. Viele Leute sagen mir, ich sollte mich besser auf einen Stil konzentrieren und das dann durchziehen. Doch das kann ich nicht. Ich weiß aber inzwischen, dass das eine Gabe ist. Ich bin Musikerin, Sängerin, Tänzerin und Choreografin. Ich kenne nicht viele Menschen, die so wie ich zugleich Musik machen und tanzen. Ich gehe halt einen anderen Weg. Mein Traum ist es, meine Musik und meinen Tanz auf der Bühne zusammenzubringen.

Was kann man also in nächster Zeit von dir hören und sehen? Wie sind deine Pläne?

Shatzky: Ich brauche einen Manager und einen Produzenten, der hört, wohin ich mit meinen Songs gehen will. Im Moment sind es Piano-Songs, aber das waren sie nicht von Anfang an. Ich habe sie mit mehreren Instrumenten am Computer arrangiert und möchte sie auch mit mehreren Instrumenten spielen. Und ich möchte Tänzer auf der Bühne. Aber erstmal muss ich einen Job finden. Ich habe zur Zeit kein Geld, das ist hart. Aber ich schaff das schon, ich muss nur meinen Arsch hochkriegen, eine Weile aufhören Konzerte zu geben und mich auf Jobsuche machen. Und jetzt muss ich los und ein Piano verschieben.

Wir verabschieden uns und Shatzky packt mit dem Wirt des Ufer-Cafés das Piano an. Sie schieben es ein Stück weiter in den Raum. Schließlich soll man Shatzky nicht nur hören, sondern auch sehen!


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