25. Februar 2012

Zwischen wenig und gar nichts sagen

Bernadette Robieux alias Carson im 'Give Me A Stage'-Interview


Pretend by _Carson_

Bernadette RobiuexHeute klopfe ich meinem musikalischen Spürsinn auf die Schultern. Ich betrete die Wohnung von Carson und finde alles so vor, wie ich es mir vorgestellt habe, als ich ihre Musik hörte: An der Wand ein Plakat von Jim Jarmuschs Film „Down By Law“. Auf dem Schrank eine Beatles-Platte. In der Mitte des Zimmers sitzt Carson auf dem Fußboden. Ihr blondes Haar sitzt zerwuselt auf ihrem Kopf. Neben ihr steht ein Glas Wein, in der Hand hängt eine Zigarette. Sie sagt, sie steht auf Grunge. Diese Worte reichen schon aus, um die Musik von Carson zu beschreiben. Und um das Bild komplett zu machen: Carson ist 22 Jahre alt, kommt aus Paris, studiert jetzt in Berlin und gibt 'Give Me A Stage' das erste Interview ihrer Karriere als Musikerin.


Carson, dein Zimmer ist voll von Dingen, die offenbar deine Musik beeinflussen. Deine Songs klingen wie in einem Jarmusch-Film, haben etwas von den Beatles und sie erinnern auch an Grunge.

Carson: Das denkst du?

Ja, findest du das nicht gut?

Carson: Doch! Die Jarmusch-Filme sind für mich ein wichtiger Einfluss. In Paris habe ich in einer Grungeband namens Hobby Horse gespielt. Wir waren inspiriert von Sonic Youth, eine Noiserock-Band. Ich mag diese „dirty sounds.“ Das ist vielleicht das, was du in meiner Musik hörst. Außerdem liebe ich die Bücher von Carson McCullers. Kennst du sie?

Nein.

Carson zeigt auf ein Bild an ihrer Wand. Darauf ist eine dunkelhaarige Frau mit ziemlich großen Augen zu sehen.

Carson: Ich weiß nicht, warum sie mich so inspiriert. Sie schreibt über Einsamkeit und wie man mit Menschen klarkommt. Sehr persönliche Literatur. Und der Name Carson klingt ganz gut als Künstlername, obwohl ihn schon sehr viele benutzt haben.

Du bist noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Man findet kaum etwas über dich im Netz. Es wird Zeit, dass sich das ändert, denn deine Songs sind extrem gut! Ich hab dich im Madame Claude gehört und nicht nur ich, auch die Leute um mich herum, haben genau hingehört und waren begeistert. Was für Reaktionen bekommst du nach solchen Auftritten?

Carson: Manchmal kommen die Leute einfach und sagen: Danke, du hast mir einen wunderbaren Abend geschenkt. Das berührt mich schon sehr, wenn jemand sagt, dass er wegen mir eine schöne Zeit hatte. Letztens kam eine, die hat ganz oft „Danke, danke, danke!“ gesagt. Ich dachte nur: „Ok, kein Problem! Es ist doch nur Musik!“

Was bedeutet dir dieses „nur Musik“ machen? Warum schreibst du Songs?

Carson: Ich weiß nicht, warum ich Musik mache. Ich habe das noch gar nicht so sehr reflektiert.

Wie fühlt es sich denn für dich an, wenn du deine Songs vor Leuten spielst?

Carson: Wenn ich Konzerte spiele, dann ist überall um mich so eine elektrische Energie. Es gibt keine Probleme oder Schmerzen, es gibt nur Musik. Das Musikmachen ist eine sehr intensive Art zu Leben. Ich kann gar nicht anders, ich muss Musik machen. Ich spiele zwar nicht jeden Tag, ich bin ja kein Berufsmusiker. Trotzdem ist es das Wichtigste in meinem Leben.

Was du sagst, passt ganz gut dazu, wie du auf der Bühne rüberkommst. Es sieht so aus, als wenn du ganz allein auf der Bühne bist. Du wirkst introvertiert und beschäftigst dich gar nicht mit dem Publikum.

Carson: Ja, ich bin schon sehr schüchtern. Ich kann die Leute im Publikum nicht anschauen. Freunde von mir haben mal gesagt, dass es ziemlich frustrierend ist, mir zuzusehen wenn ich spiele. Sie hätten es gerne, dass ich sie mal angucke. Aber ich sitze nur auf der Bühne und sehe so aus, als wäre mir das egal.

Hast du schonmal versucht mit dem Publikum zu reden?

Carson: Ich habe einmal versucht, mich dem Publikum vorzustellen. Aber das war ziemlich gruselig. So in der Art: „Hallo! Ich heiße Carson und ich würde gern...“ Das hört sich für mich überhaupt nicht natürlich an. Ich denke aber, ich muss einen Kompromiss finden zwischen sehr wenig sagen und gar nichts sagen.

Aber es ist doch so, dass du Texte schreibst, sie zu Songs machst und eine Bühne suchst. Da muss man ja annehmen, dass du den Menschen etwas mitteilen möchtest.

Carson: Nein, ich fange nicht bei den Texten an, die sind für mich sekundär. Ich mag vor allem, wie Worte klingen, wenn man sie ausspricht. Ich denke, Melodien sind viel wirkungsvoller. Es ist mir wichtig, dass eine Melodie „catchy“ ist. Zuallererst muss sie mich fangen. Ich improvisiere viel umher, bis ich etwas finde, bei dem ich sage: Das muss ich behalten! Viele meiner Songs finde ich selbst eigenartig. Ich denke nicht, dass sie schön oder schlecht sind. Aber wenn ich mich darin wiederfinde, dann ist es gut.

Wie schreibst du dann die Texte dazu?

Carson: Ich fange oft mit Joghurt-Texten an.

Was sind denn Joghurt-Texte?

Carson: Das kennst du nicht? Du versuchst etwas Neues zu schreiben und dir ist der Text erst einmal egal. Dann machst du einfach: „Njam, Njam“ dazu. Irgendwelche Geräusche, die gut klingen.

Ok, die Bildungslücke ist geschlossen. Aber wenn du einen richtigen Text schreibst, worum geht es dann?

Carson: Ich schreibe über Menschen, die mich inspirieren, von Träumen oder davon, wie Menschen sich mir gegenüber verhalten.

Ich finde „Pretend“ ist ein sehr toller Song. Der Text handelt von einer einsamen Frau. Wer ist diese Frau?

Carson: Das Lied stammt aus der Zeit, als sich meine Eltern getrennt haben. Ich habe mir meine Eltern angesehen und gemerkt, dass meine Mutter mit der Situation nicht umgehen konnte, sie war sehr allein. Es ist ein sehr persönlicher, starker Song. Viele Leute erzählen mir, dass sie den Song mögen.

Carson - Niederlage by _Carson_

Ein anderer Song, der mich interessiert ist „Niederlage“. Vor allem, weil er einen deutschen Titel hat. Aber wie in vielen deiner Songs ist der Text schwer zu verstehen, du singst nicht besonders deutlich. Worum geht es in „Niederlage“?

Carson: Es geht um einen Tag, an dem ich ganz viele Dinge machen wollte: Freunde treffen, Konzerte organisieren. Aber alles was ich anfing, wurde zu einer Niederlage. Ich habe so viel versucht und nichts getan. Aber ich habe den Song geschrieben.

Was organisierst du denn mit deiner Musik im Moment? Auftritte bei Open-Stages oder mehr eigene Konzerte?

Carson: Ich versuche eigene Konzerte zu spielen. Jetzt bald kommt ein Konzert in Neukölln. Außerdem werde ich mit einer Elektro-Band aus Paris zusammenarbeiten. Sie heißen Long Courrier. Ich singe zu ihren Songs.

Dann hast du ja ein ganz schöne Bandbreite: Von Grungerock, zu deinen akustischen Gitarrensongs, bis Elektro.

Carson: Ja, ich mag sehr viele Musikstile. Ich denke, das ist sehr wichtig, wenn man Musik macht. Du musst soviel hören wie du kannst. Du musst dir von überall Inspiration holen.

Dann wünsche ich dir noch ganz viel Inspiration, du hast bestimmt noch einige tolle Songs zu schreiben!

Wir verabschieden uns. Carson, die es komisch findet mit dem Publikum zu reden, hat ihr erstes Interview gegeben. Im Flur unterhalten wir uns noch kurz über Musiker, die mehr reden als sie. Das ist nicht so ihr Fall, meint sie: „Ich denke, weniger ist mehr.“ Ein Satz, der gut zu Carson passt.


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