15. Februar 2012

„Ich würde mit dem Schokoladen um die Welt ziehen“

Schokoladen-Tontechniker Tobias Horschel im 'Give Me A Stage'-Interview


Tobias Horschel
Tobias Horschel ist seit acht Jahren Tontechniker in einer Kneipe, die eine wahre Institution für alternative Kultur in Berlin ist: Der Schokoladen. Künstler aus aller Welt kommen nach Berlin, um hier aufzutreten. Warum also sollte Tobias um die Welt reisen, wenn das Gute so nah ist?
Weil der Schokoladen in Gefahr ist. Der Eigentümer will das Gebäude am 22. Februar 2012 räumen. Wenn die aktuellen Proteste dies nicht verhindern, dann bedeutet es nicht nur das Aus für die Kneipe. Berlin verliert auch eine grandiose Open-Stage. Tobias Horschel hat sie einmal im Monat zusammen mit Raoul Welsch geleitet.

Berlin braucht Schokoladen by Juliane Fritz

Tobias, die Open-Stage im Schokoladen war eine der ersten auf denen ich aufgetreten bin und hat für mich persönlich ziemlich hohe Standards gesetzt. Auf einigen Berliner Bühnen kam es vor, dass mir Freunde danach erzählten: Deine Stimme war zu leise, der Bass war zu laut. Nicht so im Schokoladen. Bei dir fühlt man sich richtig wohl auf der Bühne und jeder bekommt einen ordentlichen Soundcheck. Selbst wenn es mal länger dauert. Ist das auch dein persönlicher Anspruch?

Tobias: Ja. Ich tue alles für die Aufführung und das kann ich nur vorher tun. Wir alle kommen doch, um eine gute Aufführung zu sehen. Auch ich. Ich möchte, dass die Leute musikalisch das zeigen können, was sie wollen. Deshalb frage ich den Musiker, wie er klingen möchte oder ich versetze mich in ihn hinein. Wenn er klingen möchte wie Bob Dylan, dann erinnere ich mich an den Klang von Bob Dylan und stelle alles so ein, dass der Musiker einen ähnlichen Sound bekommt.

Ich stelle es mir kompliziert vor, die Technik für eine Open-Stage zu machen. Alle 10 Minuten kommt ein neuer Künstler auf die Bühne und du musst wieder alles neu einstellen. Wie schwer ist das?

Tobias: Es gibt besonders zwei Schwierigkeiten und was mir bei der Arbeit hilft, ist meine Erfahrung. Zum einen ist da die psychologische Komponente. Ich muss eine gute Stimmung auf der Bühne erzeugen, um richtig mit dem Musiker zusammenzuarbeiten. Nur dann sagt er mir, was er möchte und ich kann daran arbeiten, dass er toll klingt. Und nur, wenn sich ein Musiker auf der Bühne wohl fühlt, kann er auch gut spielen. Zum anderen ist es schwer, zwischen Bühne und Raum eine ausgeglichene Lautstärke zu haben. Das sind zwei getrennte Orte: Auf der Bühne muss sich der Musiker selber gut hören und im Raum möchte das Publikum einen schönen Gesamtklang. Gerade in so kleinen Räumen, wie dem Schokoladen, ist das nicht so einfach zu erreichen.

Kennst du die Perspektive des Musikers aus eigener Erfahrung?

Tobias: Ein bisschen. Ich habe schonmal etwas beim Theater gemacht und spiele Gitarre. Aber ich kriege es nicht hin, gleichzeitig zu singen und zu spielen. Außerdem übe ich nie. Daher bin ich Band-ungeeignet. Aber wenn ich mal auf der Bühne stehe, werde ich zur Rampensau. Ich singe zum Beispiel gerne Karaoke hier im Schokoladen.

Obwohl du manchmal zur Rampensau wirst, bevorzugst du den Job im Hintergrund. Was ist das faszinierende daran und wie bist du darauf gekommen, Tontechniker zu werden?

Tobias: Der Mann im Hintergrund zu sein ist eine tolle Sache. Ich bin ein Mensch, der übers Ohr funktioniert. Als Zwölfjähriger habe ich das erste Mal an einer Musikanlage rumgespielt und gemerkt, dass ich da alles Mögliche verändern kann. Seitdem mache ich das. Es gibt mir ein wunderbares Gefühl, wenn die Musik funktioniert. Dann stellen sich mir die Nackenhaare auf. Dem Publikum übrigens auch.

Wie merkst du das? Was für ein Feedback bekommst du als Tontechniker?

Tobias: Das Feedback bekomme ich eigentlich immer direkt, beim Spielen der Musik. Wenn die Musik wirkt und ich als Tontechniker nicht zu hören bin, dann habe ich etwas richtig gemacht. Das sehe ich auch daran, dass das Publikum mitgeht. Oft drehen sich die Leute zu mir um und lächeln mich an. Das ist sehr schön. Die Musiker kommen oft nach dem Konzert zu mir und bedanken sich.

Nun sind es wahrscheinlich die letzten Konzerte, die du im Schokoladen abmischst. Erzähl mir etwas zu deiner Geschichte mit dem Schokoladen. Wie bist du hierher gekommen?

Tobias: Ich bin 2003 nach Berlin gekommen, um eine Tontechnikerschule zu besuchen. Über einen Freund habe ich eine Musikerin kennengelernt, die im Schokoladen Veranstaltungen organisiert. Sie hat mich gefragt, ob ich mitmachen will. Da hab ich gesagt: „Ja super, endlich Praxis, nicht nur Schule.“ So bin ich in den Schokoladen gekommen.

Wie war dein erster Eindruck vom Schokoladen?

Tobias: Ich dachte, dass es ein klein bisschen rustikal bis heruntergekommen aussieht, aber eigentlich sehr schön gemacht. Das Tolle war, dass ich hier sehr schnell Menschen kennenlernen konnte. Das hatte ich nicht erwartet. Die Leute im Schokoladen waren ganz anders als ich es auch meiner Heimat, dem Rheinland kannte. Da sind sie entweder furchtbar aufdringlich oder total höflich. Im Schokoladen sind sie offen und trotzdem nicht aufdringlich oder ausgeflippt.

Seitdem arbeitest du also im Schokoladen. Gab es da auch schon die Open-Stage?

Tobias: Nein. Ich betreue seit Jahren die Sonntage. Da hatten wir immer ganz ruhige Veranstaltungen, um den Bewohnern über dem Schokoladen einen ruhigen Sonntag zu geben. Vor drei Jahren lief eine Sonntags-Veranstaltung aus und wir haben überlegt, was wir Neues machen. Mein Freund, Raoul Welsch, hat eine Open-Stage vorgeschlagen. Ehrlich gesagt habe ich damals gedacht, dass das nichts wird. Ich dachte, da kommen zwei Musiker, und die Kneipe bleibt leer. Aber es war ganz anders. Von Anfang an kamen viele Musiker. Sie sind immer wieder gekommen, haben ihre Freunde mitgebracht und wirklich sehr sehr schön gespielt.

An welche Open-Stage-Abende erinnerst du dich besonders gern?

Tobias: Ich fand es immer ganz super wenn besonders viele Musiker da waren, weil ich Vielfalt unheimlich gerne mag. Einmal waren so viele Musiker da, die haben gar nicht mehr auf das Papier gepasst, wo wir die Reihenfolge aufschreiben. Und es kamen immer mehr in den Laden, die auch spielen wollten. Es waren so unterschiedliche Stile, man wusste nie was kommt.

Konntest du auch die Entwicklung von Musikern verfolgen, die immer wieder im Schokoladen spielen?

Tobias: Ja! Es gibt einen Musiker namens Vic, der war von Anfang an regelmäßig da und hat sich stark entwickelt. Ich glaube, ich habe ihm das nie gesagt. Er kann hervorragend Gitarre spielen. Die Bluesgitarre ist sein Ding und ich glaube sein Vorbild ist Bob Dylan. Er ist mit der Stimme etwas unsicher, aber man merkt, dass er diese Songs liebt. Am Anfang hat er andere für sich singen lassen. Dann ist er alleine aufgetreten und hat immer mehr gesungen. Es wird immer stimmiger und darüber bin ich sehr froh.

Es kann sein, dass die Open-Stage am 12. Februar die letzte im Schokoladen war. Wie war das für dich?

Tobias: Ich muss sagen, dass ich das ganz gut verdrängen kann, denn ich habe ja noch ein paar Konzerte. Aber ganz ehrlich: Ich muss immer heulen, wenn ich darüber nachdenke.

Wenn du einmal zurückblickst: Was bedeutet dir der Schokoladen ganz persönlich?

Tobias: Der Schokoladen ist für mich Musik. Ich habe lange als Tontechniker gearbeitet, aber konnte keine wirklichen Erfahrungen mit Musikern sammeln. Ich habe probiert, eine Schule für Tontechnik zu besuchen. Auch dort habe ich nicht gelernt, wie man in Konzert abmischt. Dann kam ich in den Schokoladen um zu üben. Aber ich habe hier mehr als nur üben können. Ich habe Musik erst richtig kennengelernt. Nicht nur Rock oder Punk, sondern auch Jazz, Blues, Hardcore, Songwriter, Musical und Varieté. Ich habe Bands aus der ganzen Welt kennengelernt. Dafür gibt es keine Schule. Aber es gibt den Schokoladen.

Was denkst also darüber, dass der Schokoladen, so wie es im Moment aussieht, am 22. Februar geräumt wird?

Tobias: Ich verstehe es nicht. Der Schokoladen bietet Bands aus aller Welt Möglichkeiten, die sie bei sich zu Hause nicht haben. In einer Stadt wie Paris muss eine Band erstmal eine Einnahme-Garantie bezahlen, um in einem Club auftreten zu können und bekommt danach keine guten Prozente von den Einnahmen. Auch in Berlin gibt es Clubs, die eine Garantie fordern. Das läuft im Schokoladen anders. Die Bands bekommen sehr viel von dem Eintrittsgeld und bezahlen selbstverständlich keine Garantie. Wir möchten ja, dass die hier spielen! Viele Bands kommen extra nach Berlin, um im Schokoladen aufzutreten. Es gibt in dieser Stadt nicht mehr viele Orte, wo alternative, unbekanntere Bands einfach auftreten können, weil sie gut sind! Wenn die Stadt solche Inseln wie den Schokoladen nicht beschützt, dann wird sie das bald an einigen Stellen merken. Denn das, was im Schokoladen an kulturellem Austausch passiert, macht das Bild der Stadt aus. Dann muss die Stadt irgendwann Festivals mit ehemaligen 'Underground-Bands' organisieren, die diesen Austausch wieder herstellen. Dafür werden dann 100.000 Euro ausgegeben, ein paar hundert Leute gehen hin und danach ist es vorbei. Der Schokoladen organisiert diesen Kulturaustausch seit Jahren und benötigt dazu keinen Cent Support. Ich habe einmal nachgezählt: Ich allein habe in einem Jahr 360 Bands aus aller Welt gemischt. Dafür hat die Stadt keinen Cent bezahlt. Aber jetzt kann sich der Schokoladen nicht mehr selber helfen. Jetzt braucht er Hilfe und Schutz vor eine großen Gefahr.

Ich hoffe, dass ihr Erfolg habt. Aber was ist, wenn die Räumung nicht verhindert werden kann? Was denkst du, wie es dann weitergeht?

Tobias: Ich hoffe sehr, dass wir, egal was kommt, den Schokoladen weiter leben lassen. Der ist so lebendig, der kann gar nicht tot umfallen. Ich habe so viele Menschen aus anderen Ländern kennengelernt, die es toll finden, was wir hier machen und meinen, dass es das bei ihnen nicht gibt. Es ist ja nicht nur der Schokoladen. Bei uns im Haus leben und arbeiten Menschen aus ganz verschiedenen Kunstrichtungen. Es gibt Leute, die sind über 70 und es gibt 18-jährige. Wir haben Proberäume und Ateliers. Selbst ich kenne nicht alle Projekte, die in diesem Haus laufen, weil es so viele sind. Ich hoffe, dass die Menschen, die das hier gesehen haben, die Idee mitnehmen. Ich würde mit dem Schokoladen um die ganze Welt ziehen.

Nachtrag (18.2.2012):

Dank der vielen Proteste gibt es jetzt neue Verhandlungen über die Zukunft der Schokoladens. Die Räumung am 22. Februar wurde abgesagt. Die Leute vom Schokoladen sind noch etwas skeptisch und sprechen von einem Etappensieg. Wir werden sehen, wie es weitergeht! Auf jeden Fall gibt es vorerst weitere tolle Konzerte und Open-Stages.

Nachtrag (30.3.2012)

Der Schokoladen ist gerettet! Der (wohl bald ehemalige) Eigentümer des Schokoladens hat das Angebot der Stadt Berlin angenommen und bekommt eine andere Immobilie anstatt des Schokoladens. Den Schokoladen wird er an die Edith Maryon-Stiftung verkaufen und die wiederum unterstützt kulturelle Projekte und verpachtet das Gebäude an den Schokoladen e.V.


1 Kommentar:

  1. Hallo Juliane,

    Vielen Dank für dein wunderbares Interview über den Schokoladen und mich. Du hast meine lange Rede so detailgetreu und verständlich aufbereitet- eine journalistische Leistung. Bitte werde Zeitungsredakteurin und ich abonniere sofort! Ich fühle mich sehr gut wiedergegeben. Auch gigantischen Dank für deinen engagierten Einsatz für den Schokoladen- es hat geholfen! Die Stiftung verpachtet das Grundstück an den Schokoladen und der Schokoladen e.V. kauft sein Haus mit einer Finanzierung. Wenn wir das stemmen (Spenden willkommen) können unsere Enkel in 40Jahren im Schokoladen in Berlin-Mitte Musik hören!

    Dein Blog mit allen Beiträgen ist sehr stimmig und interessant (abgefahren, diese Shatzky mit frecher Musik und Filmkunstvideo..dann noch Carmen Underwater..Harry Brown-eine Seele von Mensch..eine Fundgrube! Und die riesenlange openstage-terminliste ist unschätzbar).

    lg Tobias

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