8. Februar 2012

„Ich will die Menschen begeistern“

Carmen Hofacker im 'Give Me A Stage'-Interview


You - live by Carmen solo / SWiM

Carmen HofackerOft fängt es mit einer Melodie an, die sie nicht mehr loslässt. Dann sitzt Carmen Hofacker in ihrem Zimmer am Klavier, spielt, und hört die Klingel nicht. Ich stehe vor ihrer Tür, um mich herum bröselt der Schnee vom Himmel und ich drücke noch einmal auf den Klingelknopf. Diesmal macht Carmen auf. “Ich musste unbedingt eine Idee ausarbeiten“, entschuldigt sie sich, „ich bin aufgewacht, habe aus dem Fenster geguckt, den Schnee gesehen und dann waren die richtigen Worte zu meinem neuen Song da: Snow is falling down.” Sie spielt mir das Lied vor und da ist es wieder: Das Gefühl, das ich hatte, als ich Carmen zum ersten Mal im Madame Claude spielen hörte. Eine wunderbare Leichtigkeit.

Carmen, ich möchte dir danken. An dem Abend, an dem ich dich angesprochen habe, habe ich selbst auch gespielt und war wie immer aufgeregt. Das konnte ich für einen Moment vergessen, weil mich dein Song getragen hat. Ist das etwas, das du selbst auch fühlst wenn du spielst und dem Zuhörer weitergeben möchtest?

Carmen: Das Hauptbedürfnis das ich habe ist, die Menschen zu begeistern. Deswegen stehe ich auf der Bühne. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn du den Menschen eine Emotion übergibst, kommt sie zu dir zurück. Man schafft das nicht immer, weil man vielleicht gerade sehr fröhlich ist und sich nicht in eine Herzschmerz-Ballade hineindenken kann. Aber ich versuche immer, mich in die Situation zurückzuversetzen, in der ich den Song geschrieben habe. Wenn man das macht, dann springt das Gefühl zum Publikum über.

Das hat bei deinem Song „You“ gut funktioniert, der hat mich sehr mitgerissen. Es scheint darin um eine ganz besondere Person in deinem Leben zu gehen. Magst du etwas dazu erzählen?

Carmen: Naja, das ist schon sehr privat. Es gab zwei Situationen, die mich dazu bewegt haben, diesen Song zu schreiben. Zum einen war es die Story von einer anderen Person, die mich sehr erschüttert hat und ich dachte: Was wäre, wenn mir das passieren würde? Und zum anderen gab es auch ein persönliches Ereignis. Es geht in beiden Fällen um das Gefühl das man hat, wenn man jemanden verliert, den man sehr, sehr lieb hat. Sei es, dass er wirklich stirbt oder dass er einfach nicht mehr für dich da sein möchte. Deshalb ist „You“ entstanden.

Ich denke, mit der Erklärung kann man den Song sehr gut verstehen. Du singst darin auch von „cold water“ und die Band in der du spielst heißt „Swim“. Ich frage mich deshalb, ob du eine besondere Verbindung zum Wasser hast. Aber dein süddeutscher Dialekt macht nicht den Eindruck, als wenn du von der Küste kommst.

Carmen: Nein, da hast du Recht. Ich komme aus Mittelfranken, da gibt es kein Meer. Mit „cold water“ sind kalte Tränen gemeint.

Was ist mit deiner Band Swim?


Carmen: Die gibt es so gar nicht mehr. Ich gehe unter dem Namen Swim zwar noch auf Tour, aber ich baue gerade eine neue Band auf. Bis dahin bin ich solo auch unter dem Namen Carmen unterwegs. Nur der Vorname, weil „Carmen Hofacker“ klingt zu sehr nach Schlager, das ist nicht ganz mein Ding.

Ich habe gelesen, dass dein Vater als Musiker im Schlager-Bereich unterwegs ist. Wie hat dich das beeinflusst?

Carmen: Es hat mich dazu gebracht meine Songs nur auf Englisch zu schreiben, weil es auf Deutsch für mich immer nach Schlager klingt. Es ist schon so, dass meine ganze Familie sehr musikalisch ist. Ich singe seit ich 5 bin. Meine Eltern habe ich anfangs damit genervt, nach dem Motto, „Jetzt singt die wieder die Kassette rauf und runter“. Aber mir hat es immer total Spaß gemacht. Richtig los ging es dann mit einer Coverband. Da fiel die Sängerin aus und die haben mich gefragt, ob ich einspringe. Damals war Alanis Morissette total der Hype. Von ihr habe ich etwas gesungen und die Jungs von der Band meinten: „Das machst du total gut, spiel noch ein Lied!“

Wie hat sich dieser Wandel angefühlt von: „Ach, Carmen, bitte nicht schon wieder singen“ zu: „Carmen, wir wollen dich hören"?

Carmen: Das war ein schönes Gefühl. Wahrscheinlich ist das das Urgefühl, was mich heute auch noch dazu bringt auf die Bühne zu gehen.

Wie bist du von der Coverband in Mittelfranken dann mit deinen eigenen Songs nach Berlin gekommen?

Carmen: Es gab da schon noch ein paar Zwischenschritte. Ich habe eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und gemerkt, dass ich im Büro kaputtgehe. Danach habe ich überlegt Musical zu machen, aber da konnte ich nicht meine eigenen Songs schreiben. Dann hat mich die Rock-Pop-Schule Berlin hierher gelockt, aber die Ausbildung hat sich für mich als Flop erwiesen. Ich habe mir einen klassischen Gesangslehrer gesucht und die Band Swim gegründet.

Inzwischen bist du auch ziemlich professionell unterwegs, mit Booking-Agentur und so weiter. Wie hast du das geschafft?

Carmen: Naja, das mit der Agentur ist nicht so toll wie es aussieht. Eigentlich mache ich alles selber. Wenn man eine Agentur oder ein Label hat, dann klebt da ein Stempel hinten auf der CD, aber es steckt nichts dahinter. Wenn sie nicht in dich investieren, dann bringt das nichts. Diese Erfahrungen haben einige Musiker gemacht, die ich kenne.

Das heißt also: Selbst ist die Frau.

Carmen: Genau.

Und wie macht die Frau das?

Carmen: Im Moment ist die Frau ein bisschen faul, was das Booking angeht. Aber grundsätzlich ist es so, dass ich überall selbst anrufen muss. Dort, wo man schon einmal gespielt hat, ist es leicht an einen Auftritt zu kommen. Ansonsten ruft man den Leuten oft fünfmal hinterher und es wird nichts. So ist das, da müssen wir glaube ich alle durch.

Was würdest du jungen Musikern raten, die gerade anfangen auf Open-Stages zu spielen und weiterkommen wollen?

Carmen: Ganz am Anfang finde ich es super, wenn man auf Open-Stages spielt, weil man Leute erreicht. Ich selbst spiele noch immer gerne auf Open-Stages, um neue Songs auszuprobieren. Das Problem ist aber, dass das Publikum dort meistens auch aus Musikern besteht, die nach Publikum suchen. Man braucht aber die anderen Leute, die einen weiterbringen. Überall wo man spielt, muss man etwas rausholen, einen Kontakt machen, der einen weiterbringt. Dazu ist es wichtig, dass man einen guten Flyer hat, mit den Daten zu den Internet-Auftritten bei Facebook, Soundcloud und so weiter. Man braucht diesen ganzen Online-Rotz mittlerweile. Man muss sich ein Publikum erspielen, damit man auf der Suche nach Gigs argumentieren kann: „Hallo, ich ziehe 20 Leute.“ Dann bekommt man auch mal einen bezahlten Gig.

Kannst du inzwischen von Musik leben?

Carmen: Ich lebe vom Musikmachen, aber nicht hauptsächlich von meinen eigenen Songs. Ich gebe Musikunterricht. Das deckt die Grundkosten, alles andere ist ein Bonus obendrauf.

Das hört sich hart an. Hast du mal gedacht, dass das mit der Musikerkarriere doch nicht so klappt, wie du dir das vorstellst?

Carmen: Ja! Oh Gott, das habe ich sicher tausendmal gedacht! Ich komme aus einer Familie, da hat jeder seinen Job, alles ist geordnet, da kommt das Geld am Monatsende und bei mir ist es gar nicht so. Oft denke ich, dass es schon ziemlich heftig ist, was ich mache. Aber ich kann nicht anders, weil ich diese Leidenschaft habe. Das Geld wird dann zweitrangig. Irgendwie komme ich immer über die Runden.

Was sind für dich die Momente, die deine Mühe belohnen?

Carmen: Die schönsten Momente gibt es bei kleinen, intimen Konzerten. Ich spiele gerne unter ganz vielen Rocknummern eine Ballade und spüre dann, wie ich die Leute komplett in den Song ziehe. Dann stehen da diese Männer, die sich mir als die toughen Typen vorgestellt haben und die müssen dann Schlucken oder haben sogar Tränen in den Augen. Das sind die Momente wo ich denke: „Ja! So isses, Leute!“

Nachtrag (15.3.2012):
Carmen hat einen neuen Bandnamen gefunden. Sie heißt jetzt Carmen Underwater.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen